ZAUBERBUME

Von Rita Baedeker

Dieser Text ist der Webste www.ritterturnier.de entnommen und für Ihre Hintergrundinformation gedacht und nicht zum Publizieren vorgesehen.

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Weltliche und geistliche Musik im Mittelalter
Teuflische Terz

Einst war die Musik ein Vagabund. Sie war so flüchtig und schwer fassbar wie die Abenteuer der Geschichtenerzähler. Melodien schnappte man auf und behielt sie im Ohr - oder sie waren verloren. Auch die geistliche Musik, wie sie in Klöstern gepflegt wurde, wurde nicht aufgeschrieben. Eine Notenschrift gab es nicht.

Jede neue Generation von Mönchen und Äbten lernt durch Zuhören und Unterweisung. Außerdem hatten große Abteien ihre eigenen Traditionen der musikalischen Überlieferung. Musik außerhalb der sakralen Zeremonie galt überdies als nicht gottgefällig und wurde daher auch nicht beachtet.

Das war nicht immer so: Im Jahre 506 erhielt Chlodwig, König der Franken, vom Ostgotenkönig Theoderich ein denkwürdiges Geschenk: Es waren zwei Musiker, ein Sänger und ein Kitharaspieler von irgendwoher aus dem Osten. Chlodwig hatte sich dieses Geschenk gewünscht. Vermutlich sprach man in besseren fränkischen Kreisen häufig über die betörende Musik, die in Byzanz gepflegt wurde. Vielleicht hatten auch fahrende Händler von gastlichen Häusern berichtet, in denen man solch fremdartigen Klängen lauschen konnte.

Die Urkunde zu diesem Spielmannsgeschenk ist überliefert. Die Musikgruppe Corvus Corax (Kolkrabe), seit 1994 bei den Kaltenberger Ritterspielen mit ihrer eigenwilligen Spielmanns-Musik dabei, hat diese Quelle beim Studium mittelalterlicher Musikhandschriften entdeckt. Nach diesem königlichen Geschenk wurden für lange Zeit die Musikanten totgeschwiegen. Erst ab dem Ende des 11. Jahrhunderts, mit der Blütezeit höfischer Kultur, traten Spielleute, Troubadoure oder Minnesänger öffentlich in Erscheinung. 

Der Grund: Die Kirche hatte volkstümliche Weisen in Kirchengesängen unterdrückt. Temperamentvolle Rhythmen, zu denen man springen und tanzen konnte, Disharmonien gar, etwa die Terz, galten als Teufelswerk. Die Vereinheitlichung der Liturgie im Gottesdienst führte zu einer monoton-meditativen Form des einstimmigen Gesangs - der Gregorianik, mehr ein gesungenes Gebet, als ein Lied. Viel Erfolg hatte die Unterdrückung der Spiel- und Sangesfreude allerdings nicht: In Gallien, dem Kernland des fränkischen Reiches, hatte sich die heidnische, volkstümliche Musik auch unter dem Einfluss der Kirche weiter behauptet. Wichtiger noch aber war der Kulturimport der Muselmanen im 8. Jahrhundert. Dudelsack und Schalmei kamen aus dem Orient. Die Laute stammt vom arabischen Instrument Al Ud ab, die Posaunen erhielten ihren Namen von den Businen. 

Die Araber brachten aber nicht nur neuartige Instrumente und exotische Weisen aus ihrer Heimat mit, sie hatten auch antike griechische Schriften im Gepäck, von der die Kirche in ihrer rigiden Vorstellung einer alles umfassenden christlichen Weltordnung nichts wissen wollte. Der St. Galler Mönch Notker Balbulus befasste sich als erster theoretisch mit der Musik und bekannte sich zu einer zaghaften Mehrstimmigkeit. Zulässige Akkorde waren Quarten und Quinten. Wurde bis dahin Musik ausschließlich mündlich überliefert, so entstand jetzt auch eine Schrift, die im Vergleich zu den heutigen Noten allerdings nur sehr ungefähre Vorstellungen darüber zulässt, wie Melodien geklungen haben könnten. Neumen nennt man diese allerersten Schriftzeichen der Musikgeschichte. Die unpräzisen Angaben sind auch der Grund dafür, warum mittelalterliche Musik heute nicht wirklich authentisch aufgeführt werden kann. Die ersten Sammlungen mehrstimmiger Musik stammen aus dem 11. und 12. Jahrhundert: das Winchester-Tropar in Limoges (Tropen waren sehr frühe musikalische Sequenzen) und der Codex Calixtinus in Santiago de Compostela. In der Volksmusik wurde mit den Instrumenten Dudelsack und Drehleier die Bordunmusik populär. Das bedeutet, zu einer Melodie klang ein tiefer Basston mit, später auch zwei Töne. Die Patres haben diese Technik übernommen. Während in früher Zeit die liturgische Oberstimme dominierte, drängte später auch die Zusatzstimme in den Vordergrund. 

Die Pariser Notre-Dame-Schule erweiterte um 1200 die geregelte Mehrstimmigkeit und entwickelte eine klar definierte rhythmische Notenschrift. Die Einführung einer dritten und auch vierten Stimme führte zur Kompositionsform der Motette. Sie war die zentrale musikalische Gattung des 13. Jahrhunderts. Das weltliche Lied dagegen war längst mehrstimmig. Walther von der Vogelweide zum Beispiel sang in einem seiner Lieder davon, dass man ihn nach alter Weise in Terzen begleiten solle. Das ist deshalb erstaunlich, weil in der geistlichen Musik die Terz zu jener Zeit noch als Missklang verboten war. Musik des Mittelalters ist musikalische Phantasie über das Mittelalter. Wo zum Beispiel findet eine mittelalterlich musizierende Gruppe wie Corvus Corax ihre Melodien? Eine wichtige Quelle sind die Carmina burana, die spätmittelalterlichen Trinklieder. Weltliche Instrumentalmusik ist in einer Londoner Handschrift enthalten, aus der die heutigen Spielmannsgruppen schöpfen. Ein genaues Nachspielen ist jedoch ausgeschlossen. Komplette Notenschriften sind so gut wie nicht vorhanden. Die fahrenden Spielleute haben Melodien aufgeschnappt, nachgespielt, nachgesungen, vielleicht aber auch weggelassen, was ihnen nicht gefiel, oder die Hälfte vergessen. Scribenten haben vielleicht falsch abgeschrieben. Hinzu kommt: Kein einziges heute noch spielbares Instrument, keine Harfe, Fiedel, Laute oder Drehleier, ist erhalten. Alle mittelalterlichen Instrumente sind Nachbauten.

Die Gruppe Corvus Corax kommt jedenfalls zu dem Schluss: Mittelalterliche Musik sollte man genauso großzügig interpretieren, wie es schon die Minnesänger Walther von der Vogelweide oder Neidhard von Reuental getan haben. So bleibt sie ein lebendiges Erbe, das auch für den heutigen Menschen Freude und Inspiration bereit hält, wenn der höfische Spielmann, wie bei Tristan ausgeführt, zu liren unde gigen, harpfen und rotten (Zupfleier, Fiedel, Schlossharfe und dreieckige Brettzither) griff.

Von Rita Baedeker

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Das Hochmittelalter
Mit Bibel und Fehdehandschuh

Das Mittelalter dauerte ungefähr vom 5. bis zum 15. Jahrhundert, vom Beginn der Völkerwanderung bis zu Renaissance und Reformation. In dieser Epoche verschmelzen antike sowie germanische Traditionen mit dem jungen Christentum. Kirche und Kaiser sind die stärksten Mächte, die Gesellschaft ist feudal organisiert, das heißt, auf ein System von Dienst und Herrschaft aufgebaut.
Held der Zeit ist der Ritter. Aus dem gepanzerten Krieger des Frühmittelalters wird in der Zeit zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert der edle Recke. Er ist umschwärmter Liebling der mittelalterlichen Medien, wie etwa Minnesang und Dichtung. Zwar besitzt er meist kein Land, sondern dient als Vasall einem höheren Herrn; aufgrund seiner Tugenden aber - Treue, Tapferkeit, Selbstbeherrschung, gute Manieren und die Verehrung einer Dame - wird er zum Vorbild eines Ideals, das bis heute lebendig ist.

Die unendliche Geschichte

Blutrote Kometen drohten am Himmel, Hungersnöte quälten die Armen. Und der Regen fiel wie bei der Sündflut. Manch einer glaubte sogar, Heere von Teufeln in den Wolken erspäht zu haben. Einen Entscheidungskampf zwischen den Mächten des Bösen und des Lichts, meinte der mittelalterliche Chronist des anbrechenden Jahrtausends in diesen Zeichen zu erkennen. Er hieß Rudolfus, war burgundischer Mönch, lebte um das Jahr 1000 und beruhigte seine in Panik geratenen Zeitgenossen erst einmal: Der Weltuntergang sei das noch nicht. Der werde erst im Jahr 2000 stattfinden. Den Geist seiner Zeit hat er allerdings treffend beschrieben: Um den Kampf zwischen Licht und Finsternis kreiste das ganze Denken des mittelalterlichen Menschen, der uns mehr hinterlassen hat, als Furcht und Aberglauben: Das Rechtssystem, die romantische Liebe, die Ritterlichkeit.

Mittelalter, das ist in der Geschichtsschreibung die Zeitspanne zwischen dem Zusammenbruch des Römischen Reiches und der Renaissance, die um etwa 1500 den Beginn der Neuzeit markiert. Das Mittelalter beginnt mit der Völkerwanderung und dem Ende Roms 476 nach Christus. Es endet mit dem Aufstieg der Städte und Zünfte, mit Bauern- und Religionskriegen, mit der Erfindung des Schießpulvers und der Entdeckung ferner Kontinente.

Mittelalter, das war die Zeit der großen Reiche. Nachdem sich das Zentrum des antiken römischen Reiches nach Byzanz verlagert hatte, wurde die weströmische Planstelle von den Päpsten eingenommen, die an religiösem und politischem Einfluss gewannen. Gleichzeitig fegte die arabische Weltmacht des Islam im 7. Jahrhundert wie ein Orkan durchs südliche Mittelmeer. Als die Kalifen nach Westen vordrangen, das Westgotenreich in Spanien in die Knie zwangen und um 730 auch das Frankenreich der Merowinger bedrohten, griff Karl Martell - Verwaltungschef oder Kanzler beim merowingischen König - ein: In der Schlacht 732 bei Poitiers besiegte er das maurische Heer. Sein Sieg brachte die Weltgeschichte in Bewegung. Der Papst in Rom bat nun die Franken um Hilfe gegen Übergriffe der Langobarden. Karl Martells Sohn Pippin, seit 751 König der Franken, half nicht nur, er . schenkte dem Papst auch gleich das eroberte Land. Es wurde Kernstück des Kirchenstaats, Ursprung des Vatikans. Pippin war es, der jenes enge Band zwischen Königen und Papsttum knüpfte, das für das gesamte Mittelalter bestimmend bleiben sollte. Pippin hatte sich nicht umsonst für die Kirche geprügelt: Nach dem Sturz der Merowinger wurde er vom Papst zum König gesalbt. Mehr noch: Das Ritual galt auch gleich für seine Kinder und Kindeskinder: Es war die Geburtsstunde des Gottesgnadentums, Legitimation der Könige, Leitidee des Soldaten Christi, der Kreuzzüge. Pippins Sohn, Karl der Große, wurde am Weihnachtstag 800 in Rom zum Kaiser gekrönt. Er ist der Vater Europas. Seine EU, vom Papst gesegnet, reichte von den Pyrenäen bis zur Elbe, von den westfriesischen Inseln bis zum Golf von Tarent. Diese Grenzen hatten das ganze Mittelalter hindurch im Wesentlichen Bestand.

Zwischen Karls Reichsgründung im 9. Jahrhundert und der Entdeckung ferner Kontinente um 1500 liegt eine lange Zeit, die in ein Früh-, Hoch- und Spätmittelalter gegliedert wird. Das 11., 12. und 13. Jahrhundert gelten als die Blütezeit, als Hochmittelalter. In dieser Zeit betritt eine Figur die historische Bühne, die zu den auffälligsten, schillerndsten zählt, die diese Epoche hervorgebracht hat: Der Ritter. Sein Bild ist tausendfach überliefert: Wie es in einer zeitgenössischen Biografie heißt, erscheint er hoch zu Ross, das Haupt mit einem hohen Helm bedeckt, mit einem mächtigen Schwert umgürtet, durch Schild und Panzer geschützt.

Ein Beruf mit Zukunft

Das Rittertum hat zwei Wurzeln: das Lehnswesen und eine neue Kriegstechnik. Im 8. und 9. Jahrhundert leisteten freie Bauern den Wehrdienst. Da sie zu Fuß kämpften, hatten sie gegen die dauernden Übergriffe der flinken, wendigen Pferde der Wikinger und Sarazenen keine Chance. Ein Aufgebot gepanzerter Reiter musste her. Rüstung, Pferde und Waffen waren aber kostspielig. Karl der Große verfügte daher in einer Heeresreform 807, dass nur Männer mit stattlichem Grundbesitz ausrücken dürfen. Als stattlich galten mindestens vier Hufe, das sind etwa 80 Hektar Ackerland. Oft waren die Reiter monatelang unterwegs. Und gekämpft wurde vorwiegend im Sommer und Herbst. Zu dieser Jahreszeit aber waren die Bauern mit Feldarbeit und Ernte beschäftigt. Die Folge war, dass sich viele Männer unter die Schutzherrschaft eines vermögenderen Herrn stellten. Als Gegenleistung für den Zuwachs an Land und Leuten übernahm er die Lasten des Kriegsdienstes. Das war aber nur die eine Seite. Der Patron war seinerseits Vasall eines Herzogs oder Königs. Er schuldete ihm Treue als Gegenleistung für geliehenes Land, ein Lehen, das er nutzte und von dessen Einnahmen er lebte. Der Kriegsdienst war seine vornehmste Pflicht. Bei jedem Waffengang musste er seinem Herrn Gefolgschaft leisten und, je nach Besitz, eine bestimmte Anzahl von Reitern mitbringen. Es war ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Beinahe jeder war gleichzeitig Herr und Gefolgsmann. Dieses System wurde zum Erfolgsprogramm, es war das soziale Netz der Zeit. Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Kämpfen zum Beruf, der für den niederen Adel und die nicht-adeligen Dienstleute (Ministerialen) hervorragende Aufstiegschancen bot.


Mäßigung, Mut und Minne

Von den Troubadouren als strahlender Held besungen wurde der Ritter aber erst in den Jahrhunderten staufischer Herrschaft. (Link zu Friedrich II) Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation bildeten sich um 1050 erstmals Bräuche für die Erziehung zum Ritterstand heraus: Mit sieben Jahren wurden die Buben zu Edelknaben, mit 14 Knappen (eine Art Ritter-Azubi) und mit 21 erhielten sie den feierlichen Ritterschlag (Schwertleite). Stärker als andere Mächte prägte das Rittertum das Wertesystem der Zeit. Adelige Herren, ja sogar die Könige führten in ihrem Siegel den Ritter. Er ist der Held, die Wappenfigur der Zeit, der Spiegel, in dem sich die Gesellschaft mit eitlem Vergnügen betrachtete.
Maßgeblich für die Geschichte des höfischen Rittertums aber ist Frankreich, wo Ende des 11. Jahrhunderts das allererste Turnier ausgetragen wurde (conflictus Gallicus nannte man den Wettkampf) und sich die höfische Kultur zur Hochblüte entwickelte, bevor auch die ungehobelten Germanen Manieren annahmen. 1127 fand in Würzburg das erste Ritterturnier auf deutschem Boden statt. Ein berühmt gewordenes, glanzvolles Fest war der Hoftag, den im Mai 1184 Kaiser Friedrich Barbarossa in Mainz abhielt. Gislebert von Mons war vor Ort: Nachdem er in der Art moderner Klatschreporter die Namen der prominenten Adabeis erwähnt hat, dazu nach wahrheitsgetreuer Schätzung 70 000 Ritter ohne Geistliche und Menschen anderer Stände nennt, beschreibt er ein prunkvolles Schauturnier mit 20 000 Rittern, mit Kreuzfahrern, Gauklern und Gauklerinnen, mit edlen Pferden, kostbaren Gewändern, viel Gold und Silber, an dem auch der Kaiser teilgenommen habe. Das Ende kam allerdings jäh und unerwartet: Ein Sturm warf die Kapelle des Herrn Kaisers um. Der Wind zerriss viele Zelte und jagte allen Schrecken ein.

Der Ritter und sein Ross

Ritter waren zuallererst Reiter. In Frankreich heißen sie daher chevaliers, in Italien cavalieri. Ihr Kapital, ihr Gefährte, war das Pferd, jeder Ritter besaß mindestens drei: ein kräftiges Schlachtross, ein Marschpferd (palefridus) und ein Saumtier oder Klepper für den Transport von Menschen und Gepäck. Die Rüstung wurde im Lauf der Jahrhunderte immer sicherer. Auf dem Kopf trug der Ritter in früher Zeit einen Helm aus mit Stoff oder Leder überzogenen Metallstäben, vom 12. Jahrhundert an einen Eisenhut mit Sehschlitzen. Das frühe metallverstärkte Lederhemd wurde im 11. Jahrhundert zum Panzerhemd, im 14. Jahrhundert zu einem ganz aus Eisenplatten bestehenden Panzer. Als Schutz trug er den Schild mit aufgemaltem Wappen. Das war auch seine Visitenkarte, ein Ausweis innerhalb der Rangordnung der Lehensleute. Seine Waffen waren Schwert, Speer, Lanze und Armbrust. Die ganze Ausstattung entsprach einem Wert von mindestens 45 Kühen oder 15 Stuten. Die Pferde wurden ähnlich gehegt und bewundert wie heute teure Sportwagen. Adelige ruinierten sich für einen feurigen Hengst, auf einer Stute wäre kein Ritter je durch den Wald gesprengt. Alles, was mit Pferden zu tun hatte, war im Alltagsleben damals so wichtig wie heute Autowerkstätten, Tankstellen und Parkplätze. Ritter schützten beim Kampf ihre Pferde mit Decken, es gab für sie sogar maßgearbeitete Helme. In einigen Ritterromanen und Balladen wurde auch den Pferden mancher Vers gewidmet.

Der Ritter und seine Schokoladenseiten

Was ein echter Ritter war oder sein sollte, repräsentierte der habsburgische Kaiser Maximilian I. Er heiratete im August 1477 Maria von Burgund, die einzige Tochter des Herzogs Karls des Kühnen. Das Volk nannte den aufgeschlossenen jungen Mann von sonniger Liebenswürdigkeit den letzten Ritter, denn mit ihm und dem 15. Jahrhundert ging das Mittelalter zu Ende. Die vollendete Beherrschung von Geist und Körper, das tägliche Kräftemessen mit Altersgenossen, der wechselnde Erfolg in Waffenspiel und bei der Jagd gaben ihm jenes Selbstbewusstsein und jene maze (das heißt Mäßigung), deren er bedurfte, um die Verlockungen der Kraft und der Gewalt durch die Gesetze der Ritterlichkeit zu bändigen...Zunächst ist es die Dame, das Symbol alles Großen und Idealen schlechthin, deretwegen der jugendliche Ehrgeiz selbst im Turnier das Äußerste wagte; der Dame wird andererseits jene züchtige Verehrung dargebracht, deren sich der Kaiser in später Rückerinnerung noch rühmte... Soweit die schwärmerische Biografie.

Die andere Seite der Tafel(runde)

Das tagtägliche Leben im Mittelalter war weniger glanzvoll. Die Menschen waren mehr als heute Natur- und Schicksalsmächten ausgeliefert. Man schlief auf hartem, von Ungeziefer verseuchtem und schimmeligem Stroh, teilte mit zwei anderen das schmutzige Bett in der Herberge, stand auf, wenn der Hahn krähte, fror und hungerte, starb auf dem Schlachtfeld oder an einer Infektion. Gegen Pest, Lepra und andere Seuchen war der mittelalterliche Arzt machtlos. Der Mensch, gebrechlich und kurzlebig, fürchtete Ritter, Tod und Teufel, das Sprichwort ist auch heute noch in Gebrauch. Wie es dem Ritter erging, erzählt der Freund und Biograph von Don Pero Nino, einem berühmten Ritter des 14. Jahrhunderts: Sie setzen sich jeder Gefahr aus. Sie weihen ihre Körper der Erfahrung des Lebens im Tod...Den einen Tag genug zu essen, den anderen nichts, eine Zuflucht aus Zweigen und Zelten, wenig Schlaf unter dem Gewicht der Rüstung, der Feind einen Bogenschuss entfernt... Dauerndes Unterwegssein war charakteristisches Merkmal eines Ritterlebens, entsetzliche Wunden waren Teil seines Berufs. Das war die Münze, mit der er seine Treueschuld beglich. Aber es gab keinen Ausweg: Persönliche Beziehungen und private Rechtsbindungen bestimmten den Umgang miteinander. Treue zum Lehnsherrn und Gottesfurcht waren die treibenden Kräfte. Jeder kannte seinen Platz. Feste Grenzen, Völker oder gar Nationen waren dagegen noch keine Begriffe und die Sprache war unwichtig. Gebildete Herren und Kleriker sprachen Latein. Kein Mensch kam auf die Idee, die Zusammengehörigkeit mit der Sprache in Verbindung zu bringen. Dem mittelalterlichen Menschen wäre etwa die Idee, Einwanderern einer Sprachprüfung zu unterziehen, absurd erschienen. Kein Wunder: Herkunft, Sprache und Herrschaftsgebiet der regierenden Häupter bildeten in jener Zeit ein ziemliches Durcheinander. Ein kaiserlicher Hofstaat war so etwas wie ein Zirkus - dauernd auf Reisen. Ein Staufer regierte zeitweise in Sizilien, ein Normanne in England. Und auch der Ritter war pausenlos unterwegs. Es ist kein Zufall, dass der fahrende, die blutige Schlacht und die Erfüllung seines Schicksals suchende, Liebe und Geborgenheit vermissende Ritter zum literarischen Thema der Zeit wurde.

Das Kreuz mit den Kreuzzügen

Als aus dem Heiligen Land die Kunde drang, dass Jerusalem erobert wurde, wurde das Rittertum vor ganz neue Aufgaben gestellt: Papst Urban II. rief 1095 in Clermont in der Auvergne zum ersten Kreuzzug ins Heilige Land auf. Der Benediktiner Robert von Reims war Zeuge und Chronist dieser Synode, einem einzigartigen Beispiel für Demagogie und Massenpsychose in früher Zeit. Folgendes hatte er zu berichten: Zuerst habe der Papst dem Volk nördlich der Alpen versichert, Gottes geliebtes und auserwähltes Volk zu sein. Dann versetzte er seine Zuhörerschaft mit einer plastischen Schilderung der Gräueltaten der Ungläubigen in Erregung (denen, die sie töten wollen, schlitzen sie den Bauch auf, ziehen den Anfang der Gedärme heraus, binden ihn an einen Pfahl und treiben sie mit Geißelhieben solange herum, bis die Eingeweide ganz herausgezogen sind...) Schließlich habe er sich auf Karl den Großen berufen und an die Versammelten appelliert, um Christi willen Vater, Mutter, Frau und Kinder zu verlassen, um das Heilige Grab zu befreien. Urban habe auch nicht vergessen, für diese Heldentat nie verwelkenden Ruhm im Himmelreich zu versprechen. Robert von Reims bemerkt erstaunt, dass der Papst mit seiner Rede die Leidenschaft aller Anwesenden zu einem einzigen Willen zusammengeführt hat. Mit dieser Rede beschwor der Papst das Bild des Soldaten Christi, den es so vorher nicht gegeben hatte. Auch große Geister und Ordensgründer wie Bernhard von Clairveaux schlugen in dieselbe Kerbe und warben für den heiligen Auftrag.

Auf dem Weg ins Heilige Land ermordeten die Kreuzritter tausende Juden. In ihrer Grausamkeit standen sie den vom Papst geschilderten Gräueltaten der Gottlosen in nichts nach. Doch die Kirche war zufrieden. Ihre Strategie gipfelte in der Bildung von Ritterorden, zum Beispiel der Templer und Malteser, die zunächst ganz pragmatisch die Kreuzfahrer schützten, später jedoch - ideologisch verbrämt - die mönchische Ordensregel mit der Lizenz zum Töten verschmolzen. Nach dem ersten Kreuzzug wurden noch sechs weitere Fahrten unternommen, der letzte fand 1291 statt.1453 eroberten die Türken Byzanz, ganz Vorderasien wurde muslimisch.

Der Niedergang

Als am Ende des Mittelalters die Ritter ihre militärische, wirtschaftliche und politische Bedeutung allmählich verloren, verkamen viele zu Raubrittern, die Wegzölle erpressten oder Handelsreisende überfielen, ausplünderten und nicht selten ermordeten. Für einen anständigen Rittersmann war das kein Leben mehr. Ritter Ulrich von Hutten klagte einem Freund 1516 sein Leid: Glaubst du, dass ich unter meinen Rittern jemals Ruhe finden werde? Die uns ernähren, sind bettelarme Bauern, denen wir unsere Äcker, Weinberge, Wiesen und Wälder verpachten... .Wir müssen höchst sorgsame Hausväter sein. Sodann müssen wir uns in den Dienst eines Fürsten stellen. Wenn ich das nicht tue, glaubt jeder, er könne sich alles gegen mich erlauben. Aber wenn ich es tue, so muss ich fürchten (dauernd) auf Leute zu stoßen, mit denen der Fürst Fehde oder Krieg führt und die mich seinetwegen anfallen und wegschleppen....Kein Dorf können wir unbewaffnet besuchen, auf Jagd und Fischfang nur in Eisen gehen. Die Burg selbst ist nicht als angenehmer Aufenthalt, sondern als Festung gebaut. Sie ist von Mauern und Gräben umgeben, innen ist sie eng. Daneben liegen dunkle Kammern, vollgepfropft mit Geschützen, Pech, Schwefel...Überall stinkt es nach Schießpulver; und dann die Hunde und ihr Dreck, auch das - ich muss schon sagen - ein lieblicher Duft. Reiter kommen und gehen, darunter Räuber, Diebe und Wegelagerer. Das sind unsere ländlichen Freuden, das ist unsere Muße und Stille!

Ritter gibt es heute noch. Oder besser: ein romantisches, höfisches Ideal des Ritters lebt in den Köpfen kleiner und großer Jungen und Mädchen weiter. Es ist der wackere Held, der Beschützer der Armen und Schwachen, der Mann, der für die gerechte Sache kämpft, eine Dame verehrt, er ist die Lichtgestalt, die finstere Mächte besiegt. Doch werden auch Mut und Geschicklichkeit beim - gewaltlosen - Turniersport bewundert. Und das ist vielleicht das beste und friedlichste Vergnügen, das geblieben ist von den Helden im Harnisch.

Von Rita Baedeker

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Was war früher, was ist heute
Markttreiben im Mittelalter

Es riecht nach flüssigem Wachs, Schafwolle und feuchtem Leder. Fliegende Händler preisen lautstark ihre Waren an; wieder andere hocken auf einem Holzschemel und gehen still ihrer Arbeit nach.

Ein Scribent zeichnet mit höchster Konzentration ein goldfarbenes Initial auf ein Blatt handgeschöpften Papiers. Vor ihm stehen mehrere Fläschchen verschiedenfarbiger Tinte. Für sein kalligrafisches Meisterwerk braucht er Geduld und eine ebenso ruhige Hand wie der Barbier nebenan, der an einem Ritter mit widerspenstigem Bartwuchs herumschabt. Die Bademagd läuft herum und schrubbt Gästen die Füße. Ein paar Schritte weiter wird Seegras gebündelt und versponnen, in der Bäckerei geht eine Ladung Brotlaibe in den Ofen. Aus einer anderen Richtung duftet es nach Gebratenem, Gesottenem, Geröstetem.
Wenn reisemüde Fremde auf Besuch bei einem Bürger nicht hungrig warten wollen, bis Essen gekauft und gekocht ist, so erzählt ein Londoner Kaplan um 1180, dann läuft man eben schnell zum Markt am Themseufer und hat alles Begehrenswerte zur Hand. Keiner brauche nach afrikanischem Geflügel oder ionischen Schnepfen zu suchen, wenn ihm solche Leckerbissen vorgesetzt würden... 

Ionische Schnepfen wird es auf dem mittelalterlichen Markt zu Kaltenberg nicht geben; aber sonst soll alles so echt zugehen wie eben möglich. Das heißt, der oberste Marktherr, Prinz Luitpold von Bayern, lässt keine Plastikartikel zu, keinen Christkindlmarkt-Schnickschnack. In Kaltenberg gibt es alte Handwerkskunst zu sehen, wie sie in den Zünften gepflegt wurde. Viele Techniken sind noch bekannt und in Gebrauch, etwa das Papierschöpfen und Gautschen. Vorführungen von Sattler, Schmied und Schäffler erinnern an Produkte, die für den Alltag lebenswichtig waren. Betriebe etwa, die Artikel rund ums Pferd herstellten, hatten immer gut gefüllte Auftragsbücher. Für den Hausrat, der auch damals kaputt ging, sorgten Drechsler, Töpfer, Holzschindelmacher. Und auch die Bekleidung kaufte man nicht in der nächstbesten Boutique. Dafür gab es die Spinnerin und Filzerin, den Gerber und den Färber. Vieles, was man fürs tägliche Leben brauchte, stellten die Menschen bis zum 12. Jahrhundert aber auch zu Hause her. Flachs spinnen, Bier brauen, Wachs ziehen. 

Ein Markttag im Mittelalter war ein aufregendes, aber kein chaotisches Spektakel. So wie heute, war fast jede Kleinigkeit gesetzlich geregelt. Nur zu bestimmten Tagen und an festgesetzten Orten kamen die Kaufleute, Handwerker und Käufer zusammen, um zu handeln. Ein Gesetz bestimmte, dass an Markttagen Frieden in der Stadt zu herrschen habe. Sicherlich keine überflüssige Vorschrift, denn in jenen Zeiten gab es viele Überfälle, wurden private Streitigkeiten gewaltsam ausgetragen. 

Für den Frieden garantierte der König. Nun ja, nicht immer nahm er diese Aufgabe selbst wahr. Seit der Mitte des 10. Jahrhunderts hatten manchmal auch hochgestellte geistliche und weltliche Persönlichkeiten wie Grafen und Herzöge das Privileg, Märkte abhalten zu dürfen. Dafür mussten sie für den ordnungsgemäßen und sicheren Ablauf der Veranstaltung gerade stehen. Der Marktherr verdiente natürlich auch an der Veranstaltung: Er durfte von jedem Besucher, der durchs Stadttor ritt, Marktzölle kassieren, er konnte das Stapeln bestimmter Waren vorschreiben oder auch verbieten, er konnte die Händler zwingen, bestimmte Straßen und Wege zu benutzen oder zu meiden, und vieles mehr. Praktischerweise beinhaltete das Marktrecht auch gleich das Münzrecht. Bis zum 10. Jahrhundert hatte Geld allerdings keine große Bedeutung. Man handelte lieber mit Naturalien. 

Seit dem 11. Jahhrundert gibt es Wochenmärkte. Auf diesen Umschlagplätzen wurden Waren des täglichen Lebens gehandelt. Bei wohlhabenden Äbten oder Fürsten, auf der Burg eines angesehenen Ritters, waren aber nicht nur Filzdecken und neue Regenrinnen, sondern auch Luxusgüter gefragt. Die wurden auf Jahrmärkten verkauft, die - wie der Name schon sagt - nur einmal im Jahr stattfanden. Dort war die Auswahl groß an feinen Stoffen, Schmuck, Gewürzen aus dem Orient, edlen Metallen, seltenen Handarbeiten. Übrigens waren nicht alle Gewerbetreibende gleich gut angesehen. Hirten, Schäfer und Müller galten als unehrlich, Leineweber, Barbiere und Ärzte wurden verachtet.

Wie heute, wurden auch überregionale Messen abgehalten, wo Großhändler - nach dem Besuch der heiligen Messe - ihre Waren an kleinere Kaufleute weitergaben. Zum Beispiel fanden unter dem Patronat der Grafen von Champagne und Blois vom 12. bis zum 14. Jahrhundert alle sechs Monate in Troyes und einigen anderen Städten die Champagne-Messen statt. Dort floss jedoch nicht der Schaumwein in Mengen. Vielmehr setzten Großhändler Produkte der Mittelmeerländer und des Orients (indischer Pfeffer, Goldstaub aus Senegal) gegen Waren West- und Nordeuropas (Tuche aus Flandern und Brabant, Wolle aus England, Silber aus dem Schwarzwald) um. Dem Bericht des sienesischen Händlers Andrea de Tolomei aus dem Jahr 1265 ist zu entnehmen, wie die Geschäfte der toskanischen Gewürzhändler in der Champagne liefen: Den wenigsten Umsatz habe man mit Pfeffer gemacht, klagte er. Beim Ingwer waren die Käufer sehr auf Qualität bedacht, nur Safran habe sich erstaunlich gut verkauft. Die Pleite mit dem Pfeffer war ziemlich schlimm, denn Pfeffer wurde damals überall in großem Stil umgesetzt. Fast alle Speisen wurden gepfeffert, sogar die Lebkuchen, die daher auch heute noch in einigen Landstrichen Pfefferkuchen heißen. Das Schimpfwort von den reichen Pfeffersäcken hat ebenfalls da seinen Ursprung, denn mit den beißenden Körnern konnte man ein Vermögen machen.

Das größte Problem eines Händlers wie Tolomei waren aber die vielen, verschiedenen Währungen, zwischen denen hin- und hergerechnet werden musste: Silbermünzen, Gulden, Sterling, Goldmünzen. Die Wechselkurse änderten sich dauernd. Tolomei und die von ihm gegründete Handelsgesellschaft war dennoch auf lange Sicht erfolgreich: Im 14. Jahrhundert sind die Tolomei eine der führenden Familien Sienas. Ihr Palazzo steht heute noch. Aber schließlich waren es die italienischen Kaufleute, die Buchführung, Bankwesen und den Wechselverkehr erfunden haben.

Von Rita Baedeker

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Virtuelles Interview
Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Was heute mit viel Aufwand als Abenteuerurlaub inszeniert wird, war für den angehenden Ritter Alltag. Wir unterhalten uns mit Ritter Arnoul aus Calais über Kindheit, Jugend und Alter, das Reisen, die Frauen und das Jüngste Gericht.

Arnoul lebte im 12. Jahrhundert. Er wurde erzogen, wie es zu seiner Zeit für einen kleinen adeligen Jungen üblich war. Im Alter von acht Jahren wurde er aus dem Haus gegeben und auf dem Hof des Mannes, dem sein Vater den Treueeid geschworen hatte, zum Ritter erzogen.

Dass wir seine Bekanntschaft machen dürfen, verdanken wir dem berühmtesten Professor für mittelalterliche Geschichte Frankreichs, Georges Duby. Seine Geschichten und Anekdoten aus dem Mittelalter, gewürzt mit ein wenig Phantasie, bieten eine Fülle von Details aus dem Leben der alten Rittersleut.

Arnoul, in welchem Jahr sind Sie geboren?

Sie stellen Fragen! Bei uns im 12. Jahrhundert gab es nur wenige Menschen, die ihr Geburtsjahr kannten. Vielleicht war das besser so. Alt seid ihr ja meist nicht geworden.
Ich wurde ungefähr 62 Jahre alt, das war damals ein hohes Alter. Die Hälfte der Bevölkerung bei uns war unter 21, ein Drittel unter 14. Ich hatte einfach Glück. Als achtjähriger kam ich zu einem noblen Herrn, der mir erst einmal die Hammelbeine lang zog. Viele Streicheleinheiten - so nennt ihr das heute wohl - gab es während meiner Ausbildung nicht. Anfangs saß ich beim Essen ganz am Ende der Tafel, weit weg von meinem Herrn, und schlief des Nachts am Fußende seines Bettes. Aber mich dünkt, so anders als die Kinder heute war ich auch nicht. Ich spielte liebend gern Mikado, tobte mit den anderen Knaben auf der Wippe und spielte Turnier mit kleinen Rittern aus Holz.

Was hatten Sie als Knappe zu tun?

Erst war ich Page, mit 14 wurde ich Knappe, wie jeder andere Zögling. Vermutlich weil ich so kräftig gebaut war, durfte ich immer das ganze Zeugs meines Herrn schleppen, vor allem den Schild. Als Schildknappe bekam ich auch das widerborstigste Pferd von allen. Vor Publikum musste ich dann zeigen, dass ich es bändigen kann. Das reinste Rodeo war das. Mein bester Freund verlor dabei ein Auge. Wenn ich sonst nichts zu tun hate, musste ich das Schwert meines Herrn putzen und polieren. Sein Schwert war sein Augapfel. Er hatte ihm sogar einen Namen gegeben, wie Artus, dessen Schwert Excalibur hieß, wie Sie wissen.

War es nicht erniedrigend, einem Herrn zu dienen wie ein Unfreier? Immerhin kamt Ihr aus gutem Hause.

Aber nein. Der Herr brachte mir das Nötige bei: Reiten, die Jagd auf Wildschwein, Fuchs und Hirschkuh, das Bogenschießen, aber auch Schach. Tanzen, Musizieren und ein wenig Lesen und Schreiben. Und dass man nicht mit dem Messer in den Zähnen stochert. Ich lernte, eine schwingende Strohpuppe mit der Lanze aufzuspießen, das Schwert zu handhaben, Wappen zu erkennen, das Schlachtross des Herrn zu führen, ein Pferd richtig zu füttern, Zaumzeug zu flicken. Ich spielte auch Kurier und steckte meine Nase in Geometrie, Recht und Rhetorik. Tolle Abenteuer habe ich erlebt. Wälder und Sümpfe gab es bei uns, davon habt ihr keine Ahnung. Ich lernte, mich im Wald zurechtzufinden, ohne Dieben und Wegelagerern oder, schlimmer noch, Bären, Wölfen und Drachen...

Wirklich, Arnoul. Woran Ihr so geglaubt habt!

...Wie gesagt, Drachen in die Hände zu fallen. Die Frauen bekamen mehr trockenes Bücherwissen mit. Aber die hatten ja auch nichts Besseres zu tun. 

Wie haben Sie sich weitergebildet? 

Zeitungen, Fernsehen, Fax und euer neues Wunderdings da, Internet, hatten wir natürlich nicht. Aber wir Ritter sind viel herumgekommen. Von Pilgern, Priestern, Kaufleuten, Kreuzfahrern erfuhr man alles, auch wenn es Monate dauerte. Manchmal kam ein fahrender Sänger auf die Burg und las vor. Die Geschichten handelten meist von der Treue, Tapferkeit und Besonnenheit eines Helden wie Roland und Iwein, aber auch von der Liebe. Mein Herr hörte stundenlang zu und wiederholte die Verse.

Was war der schönste Tag Ihres Lebens?

Das war Pfingsten, der 24. Mai 1181. An Pfingsten fanden die Ritterweihen statt, Schwertleite nannten wir das. Mein Herr hat mir ein Pferd, funkelnagelneue Sporen, ein kostbares Schwert und einen Umhang anfertigen lassen, dafür bin ich ihm ewig dankbar. Die Weihe übernahm mein richtiger Vater, der Graf Baudoin. Am Vorabend musste ich baden, mich von meinen Sünden reinwaschen und die ganze Nacht in der Kapelle beten und bereuen, das war nicht so toll. Am nächsten Tag erhielt ich mein Schwert mit Gottes Segen. Ich versprach, mein Leben lang Gott zu dienen und die Schwachen zu beschützen. Der Ritterschlag selbst, das war ein Schlag mit der flachen Hand auf den Hals. Tut weh, aber da muss man durch. Mein Vater überreichte mir feierlich Schwert und Sporen. Dann gab es ein Festmahl. Und schon vier Tage später nahm ich als frisch gebackener Ritter die Burg meines Vaters in Besitz. Aber da war absolut nichts los. Also blieb ich nicht lange dort, sondern zog von Turnier zu Turnier, von Kampf zu Kampf. Manchmal fürchtete ich um mein Seelenheil. Aber so war das Leben.

Frühen Tod, Krieg und Pest, das habt Ihr klaglos hingenommen?

Wir glaubten an Paradies und Hölle. Der Garten Eden war sogar auf unseren Weltkarten eingezeichnet. Ich weiß, wie sehr euch das belustigt, denn wir kannten ja die Welt noch gar nicht. Wie das Jüngste Gericht sein würde, das zeigten uns die Steinmetze auf Kirchenportalen und Kapitellen. Mit Dämonen, die uns verschlingen, uns vierteilen und in heißem Öl sieden. Oh nein! Wir haben weder Kosten noch Mühen gescheut, unser Seelenheil zu retten. Jeder halbwegs begüterte Lehnsherr ließ sich eine Kapelle bauen. Ich war ja nicht sehr fromm, wie Sie wissen. Aber ich ging oft zur Beichte. Wer Kreuzfahrer wurde, der war sowieso aus allem raus. War die reinste Sündenwäscherei. Viele von uns Rittern traten übrigens in ihren letzten Jahren in ein Kloster ein. Nur da hatte man Ruhe.

Wie seid Ihr gereist? 

Hoch zu Ross natürlich. Pilger gingen zu Fuß. Für unsereins kam eine Fahrt in einem Karren nicht in Frage. Das verstieß gegen die Etikette. Nur Damen fuhren in vierrädrigen Planwagen, die sollten es ja bequem haben.

Ach ja, eure Frauen! Wie waren die denn so?

Als ich klein war, waren immer Frauen um mich herum, Schwestern, Ammen, die mir Lesen und Schreiben beibrachten, mir den Nachttrunk zubereiteten, Gewürzwein ansetzten, aber sonst hatten wir mit Mädchen keinen Kontakt. Die Jungfrauen waren zuhause und lernten nützliche Sachen, zum Beispiel, wie man im Winter ein Feuer rauchfrei hält und wie man das Bett von Flöhen säubert. Bescheiden waren sie. Nicht wie heute, wo sie - wie ich erstaunt bemerkte - mit unruhigen Blicken und nach vorne gestrecktem Kopf nach allen Seiten schauen, als suchten sie ein entflohenes Pferd. Als Jüngling verliebte ich mich in die dritte Gemahlin meines Herrn. Die vorherigen beiden waren im Kindbett gestorben. Ich dichtete für sie viele zarte Verse. Und wenn ich im Turnier an ihr vorbeiritt, dann nickte sie mir huldvoll zu. Schließlich heiratete ich spät ein geeignetes Fräulein, das mein Herr für mich ausgesucht hatte. Der Minnedienst war da kein schlechtes Training. So fand mein Weib zumeist, ich sei ein leidlich angenehmer Mensch.

Von Rita Baedeker

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Kochen im Mittelalter
Stieglitzfersen und Mückenfüsse

Köche, die den Brei verderben, gab es zu allen Zeiten. Schon im 14. Jahrhundert ermahnten die Autoren der Würzburger Pergamenthandschrift, der ältesten deutschsprachigen Sammlung von Kochrezepten, die "Küchenmaysteraien, gut zu kochen, denn: Wo die Küche gut sei, bedürfe es kaum der Doktoren und Apotheker".

Wer jedoch heute mittelalterliche Speisen buchstabengestreu nachkocht, würde sich vermutlich den Magen verrenken, nicht nur nach Genuss des in der Handschrift verzeichneten Rezepts: ,Willst du ein gutes Gericht machen, so nimm Sklavenschweiss, der macht den Magen gar heiss...Du sollst Binsen nehmen, Liebstöckl und Minze, das ist eine gute Würze für die grossen Fürze. Nimm Stieglitzfersen und Mückenfüsse, die geben dem Gericht alle Süsse...

Möglich, dass dieses Rezept eine Satire auf die höfische Völlerei war. Denn während um 1250 der Franziskaner-Mönch Berthold von Regensburg die Unmäßigkeit der reichen Leute beim Essen und Trinken geißelte und den gefräßigen Sündern nicht bloß das heißeste Höllenfeuer, sondern auch einen frühen Tod verkündete, wurde bei Ritter-Gelagen geschmaust auf Teufel komm raus.

Von Karl dem Großen ist durch seinen Chronisten Einhard überliefert, dass er gern gut und viel aß. Braten am Spieß liebte er sehr, Hühner, Gänse, Rebhühner, Pfauen, Turteltauben. Sogar den Roquefort schätzte er, nachdem er erfahren hatte, dass man die merkwürdigen blauen Punkte im Käse nicht herauspulen, sondern mitessen solle, weil sie das Köstlichste daran seien.

In Italien kamen im 13. Jahrhundert bei einem Festessen bis zu vierzig Gänge auf den Tisch eines noblen Herrn. Wer das Fisch- und Jagdrecht besaß und zudem Steuern in Form von Naturalien einziehen durfte, konnte das ganze Jahr über schlemmen. Häufig wurde Fisch gegessen. Der alten Deutschen liebste Nahrung, war abends Bier und morgens Harung (Hering), heißt es in einem alten Spruch. Das galt aber nur für den Norden. Anderswo aß man Forellen, Hechte, Äschen, Brachsen, Flusskrebse in Hülle und Fülle. Und auch beim Fleisch war der Speisezettel reichhaltiger als heute - zumindest in den herrschaftlichen Küchen.

Da die Jäger genug Wildbret erbeuteten, war Schlachtvieh nicht so begehrt wie heute. Neben Huhn, Gans und Ente, Reh und Hase, verzehrte man Murmeltier, Kranich, Storch (da brat mir einer einen Storch), Gemsenbraten, Hirsch- und Bärenkeule. Im 8. Jahrhundert war Wildpferd-Braten das deutsche Nationalgericht, bis Bonifatius das Fleisch im Auftrag des Papstes als unrein und gottlos verbot. Hintergrund war natürlich nicht eine ausgeprägte Pferdeliebe der Kirche, sondern die Furcht vor dem Heidentum. Pferdeopfer waren bei den Germanen ein religiöser Kult.

Die Geschmäcker ändern sich: Die heutige - deutsche - Abneigung gegen Pferdefleisch würde sich sicher auch gegen Auerochs, Wisent, Dachs, Biber und Fuchs, Möwe, Regenpfeifer und Drossel regen. Aber schon damals war manche Jagdbeute als Festtagsbraten umstritten. So riet die heilkundige Hildegard von Bingen bei vielen Wildtieren und Vögeln vom Verzehr ab.

Eine Ausnahme war der Pfau. Mit ihm veranstaltete man die reinsten Schauessen. Einem Pfau wurde z.B. der Balg abgezogen, dann briet man ihn schön kross und füllte ihn mit Zimt, Gewürznelken und Kräutern. War er gar, zog man ihm das Federkleid wieder an und servierte ihn mit dem ausgebreitetem Rad, das als Symbol des Sternenhimmels galt.

Die vornehmste Dame servierte das Kunstwerk dem Herrn der Tafel oder dem Sieger eines Turniers. Der Edelmann legte daraufhin das ,Pfauengelübde ab, einen Schwur, der dem Eid beim Ritterschlag gleichkam. 
Pfauenfleisch wurde übrigens so stark imprägniert, dass es sich sehr lange hielt - sechs Jahre sind in einem Fall überliefert. Es habe nach Fenchel gerochen, sei aber ,etwas madig gewesen, wie ein Gast nach dem Verzehr eines betagten Pfauenbratens urteilte. Speisen und Getränke wurden stark parfümiert und gewürzt, sogar verfälscht, um mit der Phantasie der Gäste zu spielen (oder sich selbst an Fastentagen zu betrügen): So wurden zum Beispiel Würste zubereitet, die mit Fischfarce gefüllt waren. Gewürze waren auch deshalb so beliebt, weil sie als Statussymbol galten. Wer sich Safran, Pfeffer und Ingwer aus dem Orient leisten konnte, durfte mitreden. Diese Sorge hatten Bauern und andere arme Leute nicht: Sie hatten tagaus tagein ihren Eintopf: Brei und Brot, was - wenigstens etymologisch - beinahe dasselbe ist.

Hirsebrei galt als Delikatesse. Und dazu gab es immer wieder Kraut und Rüben. Fleisch kam nur an Festtagen auf den Tisch, auch wenn Heinrich IV. von Frankreich forderte, dass jeder Bauer sein Huhn im Topf haben sollte. Trotzdem erlangte nicht der feine Pfauenbraten, sondern der Hirsebrei Berühmtheit zumindest im Märchen: Aus Hirsebrei ist, wie man weiß, das Gebirge, durch das man sich fressen muss, um ins Schlaraffenland zu gelangen.

Mehr Informationen zu Thema mittelalterliche Küche und Rezepte, verträglich abgewandelt, finden sich in dem Buch mit dem hübschen Titel Wie man ein teutsches Mannsbild bey Kräfften hält, von H. Jürgen Fahrenkamp, 1999 im Orbis-Verlag erschienen. Aber Achtung: Bevor Sie Gäste ´ zum Menü á la Mittelalter einladen, sorgen Sie für ausreichend Klares zum Nachspülen.

HINTERGRUND INFORMATION NICHT ZUM PUBLIZIEREN

Von Rita Baedeker

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Das Turnier - Champions League der Ritter
Turnier im Mittelalter

Im Mittelalter ist das Turnier ein hochrangiges gesellschaftliches Ereignis, ein Zirkus mit spannenden Schaukämpfen, Musikdarbietungen und einem Markt. Nur echte Ritter dürfen teilnehmen. Für ein edles Ross, eine Prunkrüstung und gute Waffen geben sie oft ein kleines Vermögen aus. Diverse Wettkämpfe halten die Zuschauer in Atem.

Vor allem der Tjost, ein Kampf zweier Ritter, die versuchen, einander mit der Lanze aus dem Sattel zu heben, ist beliebt. Das Mannschaftsspiel Buhurt erinnert dagegen mehr an ein Kampfgetümmel. Veranstaltet werden Turniere erstmals Ende des 11. Jahrhunderts in Frankreich.

1127 findet das erste Turnier auf deutschem Boden statt. Dort richten anfangs die Fürsten das Hauen und Stechen aus, später organisieren Turniergesellschaften die beliebten Spektakel. Turniere finden zu bestimmten Festtagen statt: zur Ritterweihe an Pfingsten oder zur Feier einer fürstlichen Hochzeit. Schon 1188 werden die Turniere in Frankreich wieder verboten, aber ohne Erfolg. Für die Ritter sind die Spiele nicht nur eine Möglichkeit, sich auszutoben und in Form zu bleiben. Die tapferen Chevaliers erwerben in der Arena auch Ruhm und Reichtum und nicht selten die Liebe einer edlen Dame.

Der Herold ist todmüde. Lange hat die Helmschau wieder gedauert. Es ist wahrlich keine dankbare Aufgabe, einem Kandidaten die Turnierfähigkeit abzusprechen, indem man an seinen Ahnen herummäkelt. Aber so ist nun mal die Vorschrift. Wer nicht von ritterlicher Abstammung ist, darf nicht auf den Platz. Da hilft alles Zetern nichts. Der Herold nimmt seine Aufgabe ernst. Und vormachen kann ihm keiner etwas, denn er kennt sämtliche Wappensymbole und Farben aus dem Effeff.

Das Publikum auf der Tribüne des Turnierplatzes lärmt. Da endlich, vor den Schranken tut sich etwas. Der Herold bläst ins Horn - Zeichen, dass der erste wartende Ritter passieren kann. Augenblicklich verstummt das Schreien und Pfeifen. Auch die Knappen und Knechte, die das Zaumzeug der Pferde und die Schilde ihrer Ritter tragen, dürfen auf den Platz. In diesem Moment lassen die Spielleute ihre Trommeln, Flöten und Harfen erklingen; herrlich, wie die bunten Banner im Wind flattern, wie die Schilde glänzen. Nervös schnauben die Hengste. Jetzt nehmen die Mannschaften Aufstellung. Sie werden in mehreren Einzelkämpfen gegeneinander anrennen. Der Herold, heiser vom Ausrufen der Namen und Geschlechter, gibt laut und deutlich die Regeln des Turniers bekannt und prüft mit wachsamem Auge alle Lanzen und Schwerter, die zum Einsatz kommen sollen. Wieder einmal ermahnt er die Kämpfer eindringlich, mit der Lanze nur auf den gepanzerten Kopf oder die gepolsterte Brust zu zielen, dann erläutert er die Regeln des Fußkampfes, der mit Schwert und Streitaxt ausgetragen wird. Leider arten in jüngster Zeit die Turniere oftmals in wilde Stechereien aus. Mancher Ritter lässt im Turnier sein Leben. Aber die Zuschauer sind ungeduldig, kaum jemand hört ihm zu. Auch weist der tüchtige Herold vorsorglich darauf hin, dass ein Kampf vorbei ist, wenn einer der Ritter sein Visier hochklappt. Eine wichtige Kleinigkeit, die im Eifer des Gefechts schon mal vergessen wird, vor allem von den Grünschnäbeln, die zum ersten Mal dabei sind und beim ersten Anritt Muffensausen bekommen.

Inzwischen stehen auch die Griesmärtel in Position. Ihre Aufgabe ist es, den Turnierplatz zu bewachen, Fouls zu ahnden, die Missetäter zu ermahnen und in die Schranken zu verweisen. Sie sind so etwas wie die Linienrichter des Turniers.

Die versammelten Ritter in der Arena blicken jetzt unverwandt in Richtung Tribüne, wo die Damen in ihren Festtagsroben sitzen. Einige haben ihrem Ritter vor dem Kampf eine Schärpe oder Locke geschenkt. Die trägt er am Helm wie eine kostbare Trophäe. Nach dem Turnier überreicht die Herrin des Hofes die Preise, den Turnierdank. Und die Jungfrauen mit den kunstvoll geflochtenen Zöpfen drängen sich um sie. Bestimmt hofft die eine oder andere, unter den jungen Herren einen passenden Ehemann zu finden. Die Ritter bemühen sich, eine gute Figur abzugeben und sich so elegant wie es in einer Rüstung möglich ist, in den Sattel zu schwingen.

Nach einem lustigen Ringstechen folgt der Tjost, in dem zwei Ritter Mann gegen Mann kämpfen. Diese Form des Zweikampfes ist der beim Publikum beliebteste Schaukampf. Keiner will die Begegnung verpassen, denn das Tjosten fordert viel Mut und Geschicklichkeit. Der Herold bittet um absolute Ruhe. Immer wieder kommentiert er das Geschehen auf dem Platz. Die Regeln sind klar: Nach einem mehrere hundert Meter langen Anlauf in vollem Galopp versucht jeder Ritter, den Gegner mit seiner Lanze aus dem Sattel zu heben, ohne ihn zu verletzen oder zu töten. Steht der Kampf lange unentschieden, dann wird meist zu Fuß weiter gekämpft, bis einer sich hinsetzt und eine Geste macht, die besagt: Du hast gewonnen. Tjoste dauern mehrere Tage lang. Erst am Ende des Turniers treten noch einmal alle Teilnehmer in zwei Gruppen gegeneinander an und zeigen bei diversen Kampfspielen ihre Geschicklichkeit: beim Ringstechen, beim Kampf gegen den Roland (französisch Quintaine). Das ist ein Drehgestell in T-Form. An einem Arm hängt ein Sandsack, am anderen ein Schild. Der Ritter muss dem Gestell mit seiner Lanze einen Stoß geben, so dass es sich dreht, ohne dass er getroffen wird. Zuweilen wird auch der Buhurt, das ältere Mannschaftsspiel, noch aufgeführt. Dabei reiten zwei Gruppen aus hunderten Kriegern mit Gebrüll und in gestrecktem Galopp aufeinander los. Wie in der Schlacht gilt es, in die Reihen des Gegners einzudringen, die Schlachtordnung durcheinanderzubringen und ihn in die Flucht zu schlagen. Ein Schaureiten mit kunstvollen Figuren und der gekonnten Imitation von Kampfsituationen.

Import aus Frankreich

Das Turnier hat der Legende nach der angevinische Adelige Geoffroy de Preuilly aus der Touraine im 11. Jahrhundert erfunden. Das Wort Turnier stammt vom altfranzösischen Verb tornoiier - sich drehen, kreisen, wirbeln. Im frühen Mittelalter ähnelte das Turnier einer militärischen Übung, einer kleinen Reiterschlacht mit Schwertern und Lanzen, es war ein Spiel auf Leben und Tod. Diese frühen Wettkämpfe wurden auf einer Wiese, einem offenen Feld in der Nähe einer Burg ausgetragen. Im Römisch-Deutschen Reich berichtete erstmals im Jahr 1127 Otto von Freising, der Biograf Kaiser Friedrich Barbarossas, von einem Turnier zwischen den staufischen Herzögen Friedrich und Konrad und König Lothar III. vor Würzburg.

Im 12. Jahrhundert wurden die Wettkämpfe spielerischer und professioneller, wurden zum Bestandteil höfischer Kultur und feiner Lebensart. Wie hoch bezahlte Fußballer, so hat man damals Talente angeworben und fürstlich entlohnt. Wer Glück hatte, wurde reich und berühmt. Denn neben seinem Lohn bekam der Sieger auch die Pferde, Rüstungen und Waffen der besiegten Ritter, dazu Lösegeld für die Gefangenen. Turnierkämpfer waren meist junge, unverheiratete Männer, die sich in der Zeit zwischen Schwertleite und Heirat die Hörner abstoßen und das eine oder andere amouröse Abenteuer erleben wollten.

Im späten Mittelalter und der Renaissance waren Turniere prunkvolle, sinnenfrohe Feste. Die Schwerter waren stumpf, es gab feste Regeln und bei Zuwiderhandlung drakonische Strafen. Sportsgeist und Repräsentation waren wichtiger als Kampf. In späterer Zeit wurde auch ein fester Turnierplatz geschaffen mit Schranken und Barrieren, die die Kampfarena eingrenzen und für den nötigen Sicherheits-Abstand zwischen den Kämpfenden sorgten. Der Spruch jemanden in die Schranken weisen stammt aus dieser Zeit.

Vom späten 13.Jahrhundert an veranstalteten auch wohlhabende Patrizier in den Städten Turniere, sehr zum Ärger der Ritter. Die organisatorischen Pflichten übernahm der Stadtrat, und die Zuschauer mussten Eintritt bezahlen, bis auf die VIPs in der Prominenten-Loge. Angesichts dieser Entwicklung schlossen sich die adeligen Ritter daraufhin zu exklusiven Klubs zusammen: Nur wer die Turnierfähigkeit nachweisen konnte - und die war an die Abstammung gebunden - durfte auf den Platz. Wer keine passende Ahnentafel hatte, wurde disqualifiziert. Schiedsrichter waren die Herolde, die Spezialisten für Wappen und Farben - die Heraldiker. Im Spätmittelalter erfuhr das Turnier durch Kaiser Maximilian I., den letzten Ritter, noch einmal eine Glanzzeit. Er huldigte wie kein anderer diesem Vergnügen, zum Beispiel anlässlich des Wormser Reichstags 1495. Nach dem Turnier gab er ein Bankett im Stil der Tafelrunde des König Artus.

Hinter den Kulissen

Mit den Rittern, Knappen und Pferdeknechten reiste ein ganzer Tross. Die Schmiede zum Beispiel hatten am Abend eines Turniertags alle Hände voll zu tun. Sie mussten Kettenhemden ausbessern, Waffen und Schilde reparieren, eingebeulte Helme ausklopfen. Da viele der Ritter verwundet wurden, war auch immer ein Bader in der Nähe. In einer fliegenden Badstube wurden die schmutzigen Helden geschrubbt, massiert, gesalbt und verbunden. Am Rande des Turnier-Jahrmarktes warteten schon Pferdehändler auf ein Schnäppchen, denn erbeutete Tiere wurden oftmals sofort in klingende Münze umgewandelt. Etliche Ritter sah man nach dem Turnier, wie sie stundenlang Geld zählten - entweder weil sie sich eine hohe Lösegeldsumme bei Verwandten und Geldverleihern beschaffen mussten, oder weil sie ein Vermögen gewonnen hatten. Das Meiste gaben sie aber am Ende doch für die Gaukler und Spielleute aus. Kaufleute und Bauern boten ihre Waren feil, alles, was ein Ritter so gebrauchen konnte: Lederwams, Pferdedecken, Schwerter und Lanzen, Zaumzeug, Sättel, Steigbügel, Gepäckstücke, aber auch an die Damen war gedacht. Feil geboten wurden Schmuck, Bänder, Borten und Stoffe. Garküchen, Metzger und Bäcker priesen ihre Leckereien an.

Nach dem Turnier nannte das Schiedsgericht die Namen all derer, die sich im Kampf bewährt haben. Die Besten erhielten einen Preis, vielleicht eine Kette, einen silbernen Trinkpokal. Fahrende Sänger stimmten Ruhmeslieder an. Alle waren zufrieden. Der Klerus allerdings verurteilte die Prunksucht und die Extravaganzen der Turniere scharf und sprach immer wieder - mit wenig Erfolg - Verbote aus. Bernhard von Clairveaux, der Gründer des Zisterzienserordens zum Beispiel, drohte, dass jeder im Turnier getötete Ritter in die Hölle fahren werde. Turniertod sei Selbstmord und damit eine Todsünde. 

Die Turnierorden

So, wie es heute Fußballvereine gibt, wurden damals auch für den Turniersport Vereine gegründet, die Wettkämpfe veranstalteten, gemeinsam zum Turnierplatz reisten, die in der Schenke ihre Siege feierten und ihr eigenes Banner hatten. Die heutigen Fußballfans mit ihren in den Farben des Vereins gestrickten Schals sind damit durchaus vergleichbar. Nur haben sich die Turnier-Fans vermutlich besser benommen. Die Gesellschaften trafen sich auch regelmäßig zu Artus-Tafelrunden. Im 13. und 14. Jahrhundert war es geradezu modern, eine Tafelrunde zu gründen, denn die Geschichten der Artusritter und ihre sagenhaften Zweikämpfe waren - damals wie heute - Bestseller. Bekanntester königlicher Turnierverein war der in England von König Eduard III. 1347 gegründete Hosenbandorden, der noch heute besteht. Dazu gehörten der König und sein Sohn Eduard, Schwarzer Prinz genannt, sowie 24 verdiente Ritter. Philipp der Gute von Burgund stiftete 1430 anlässlich seiner Eheschließung den Orden vom Goldenen Vlies. In Deutschland erhielten die Turniergesellschaften 1485 durch die Verabschiedung einer gemeinsamen Turniersatzung sogar eine Dachorganisation.



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